AIV Hamburg | Historie

Vorbemerkungen zur Geschichte des AIV

Die Geschichte des Vereins seit der Gründung 1859 ist eng mit dem Baugeschehen in der Stadt verbunden. Dafür sorgten schon in den ersten Jahren die führenden Köpfe der Vereinigung: Der Bürgermeistersohn Martin Haller ebenso wie der Wasserbaudirektor Dalmann und der mit den großbürgerlichen Familien der Stadt verbundene Chef des Ingenieurwesens Franz Andreas Meyer. Nach dem Ersten Weltkrieg waren es der Ingenieur Gustav Leo sowie der Architekt Henry Grell, die den Verein bis zur Zwangsauflösung 1939 durch schwierige Zeiten führten. Nach dem zweiten Weltkrieg dann die Neugründung gleich 1946 durch die alten Mitglieder um den Ingenieur Dr. Siebert herum. Eine bis heute wechselvolle, aber immer wieder durch Höhepunkte begleitete Geschichte.




Geschichte des Architekten- und Ingenieurvereins Hamburg e.V. 1859-2009

von Gerhard Hirschfeld

1859
Zwei junge Architekten, E.H. Glüer und H.D. Hastedt, 28 und 35 Jahre alt, Mitglieder im vier Jahre zuvor von anderen jüngeren Kollegen gegründeten „Architecten- und Ingenieurverein“, waren es leid, ohne Gelegenheit zu sachlicher Auseinandersetzung mit „Gestandenen“, und so ohne Einwirkungsmöglichkeiten auf die Gesellschaft ihrer Heimatstadt zu bleiben. Sie besuchten den durch seine Familie fest im Netzwerk der Stadt eingebundenen älteren Kollegen F.G. Stammann (60), um mit ihm auszuhecken, wie es möglich sein könnte, Alt und Jung, Einflussreiche und Newcomer miteinander zu verbinden: Am 18 April 1859 gründeten sie gemeinsam einen neuen Verein, den Architectonischen Verein

Was war das für eine Zeit? In Hamburg war 1842 etwa dreiviertel der Stadt dem „Großen Brand“ zum Opfer gefallen, was natürlich in der Folge zahlreiche auswärtige Baumeister und Handwerker anlockte. Die Stadt versuchte, das Chaos zu bändigen mit Hilfe einer „Technischen Commission“, an der neben den Staatsbeamten auch so renommierte Hamburger Architekten wie Alexis de Chateauneuf und Gottfried Semper sowie der Ingenieur William Lindley beteiligt wurden.

Dem Engländer Lindley gelang es, die technische Infrastruktur der Stadt zu modernisieren, ein leistungsfähiges Sielsystem zu installieren, die Trinkwasserversorgung durch Anlage der Sinkbecken in Kaltehofe zu sichern und einen Bebauungsplan mit modernem Straßennetz aufzustellen. Das fand im Verein im Nachhinein dann seinen Niederschlag in der bissigen Bemerkung, dass „die Lösung vieler Baufragen auf längere Zeit in die Hände englischer Ingenieure (geriet), welche,..., den Anschluss an die hiesigen aufstrebenden Fachgenossenschaft keineswegs suchten, sondern im Gegenteil ihr Prestige nutzten, um den Einfluss der Hiesigen mehr und mehr abzuschütteln.“

Die nach der Katastrophe langsam sich erholende Stadt zählte im Jahr 1859 rd. 200 000 Einwohner. Handel und Schifffahrt blühten. Und fragte man noch bei der Aufstellung des Lindley’schen Bebauungsplans nach den Menschen, die das alles bevölkern sollten, mussten bald danach Regelungen gefunden werden, wie die explodierende Stadt zu einer auch nur halbwegs geordneten Entwicklung geführt werden konnte.

Der sich neu konstituierende Verein wollte hier eingreifen und helfen! Stolz konnte auf das Mitwirken bei der Einführung der Pferdebahn, dem Projekt der Hamburg-Altonaer Verbindungsbahn, der Erhaltung des Alsterbassins und der Einführung eines zweckmäßigen Ziegelformats hingewiesen werden.

1868 wagte sich der Verein an die Ausrichtung der „XV. Wanderversammlung Deutscher Architekten und Ingenieure“. Ein wahrhaft großartiges Fest wurde gefeiert. Eine 100x100 Fuß große Insel wurde in der Binnenalster installiert. An allen vier Ecken waren zeltartige Pavillons aufgestellt, in der Mitte ein 8-eckiger, zweigeschossiger Bau mit Aussichtsplattform und Tanzfläche. Hunderte von Lichtkugeln und 6000 Glühbirnen illuminierten den „Architektentempel“. Das rings um die Binnenalster versammelte Publikum feierte dieses volksfestartige Ereignis begeistert mit.

1872 Der Nachfolger von Stammann war der Wasserbaudirektor Johs. Dalmann. Der Name des Vereins wurde entsprechend der wachsenden Anzahl von Ingenieuren geändert in „Architecten und Ingenieur-Verein in Hamburg“. In diese Zeit fällt auch die Gründung des Verbandes (VDAI), des heutigen DAI. Statt der Wanderversammlungen sollte ein fester Verband als Interessenvertretung im gerade frisch gegründeten Deutschen Reich wirken. Das führte zu einer ganzen Reihe von neuen Aufgaben. Vom Entwurf eines Deutschen Reichspatentgesetzes bis zum Aufbau eines Deutschen Baurechts, Normung und einheitlicher Bezeichnung mathematisch-technischer Größen, einheitlichen Lieferbedingungen von Eisenkonstruktionen sowie Regelung des Wettbewerbswesens, der Ausbildung von Bautechnikern und bis zu Honorarfragen und der zivilrechtlichen Verantwortung.

Der Architekt und Bürgermeistersohn Martin Haller mit seinen Verbindungen zum Hamburger Besitzbürgertum, die führenden Beamten wie Dalmann (Strom- und Hafenbau) und Meyer (Ingenieurwesen) machten als Vorsitzende oder deren Stellvertreter den Verein zu einem starken Faktor im Hamburger Baugeschehen. So beendete Haller die Diskussionen um den Rathausneubau dadurch erfolgreich, dass er sich zeitweilig in die Bürgschaft wählen ließ und von dort die Debatten lenkte, und zuletzt mit 8 weiteren Rathausbaumeistern aus dem AIV einen Entwurf vorlegte, der die Zustimmung von Senat und Bürgerschaft fand. Die Jubiläumsschrift „Rückblicke“ wurde mit in den Grundstein des Rathausneubaus eingemauert. Der Jahresbericht verzeichnet diese Tatsche mit einer Anmerkung: „Möge auch jeder Hader über das Projekt für alle Zeiten dort versenkt werden!“ Unwidersprochen blieb also damals der Coup des Vorsitzenden nicht!

Aber „staatstragend“ war er schon, der AIV! Zum 90. Geburtstag des Kaisers konzipierte der Verein eine Huldigung in Form eines „kleinen Kunstwerkes“: Eine Allegorie auf die bauende Zunft unter einem 2.00 m hohen Baldachin als Tafelaufsatz. „Dem erhabenen Baumeister des Deutschen Reiches“ wurde dieses Präsent auf einer Sänfte, nach einer Bahnfahrt von Hamburg zum Lehrter Bahnhof (dem heutigen Hauptbahnhof), von dort aus zu Fuß durchs Brandenburger Tor durch den Verbands-Vorsitzenden, Franz Andreas Meyer persönlich zum Stadtschloss gebracht. Das erregte selbst in der auch damals schon event-reichen Hauptstadt erhebliches Aufsehen!

Vorgestellt und diskutiert wurden fast alle größeren Bauvorhaben der Zeit. So wurde am 29. Oktober 1888 im Beisein SM des Kaisers der Schlussstein zu dem gewaltigen Vorhaben „Speicherstadt“ gelegt. Dieses Werk des Vorsitzenden F. A. Meyer wurde in der Deutschen Bauzeitung so rezensiert: „Es muss mit besonderer Anerkennung gewürdigt werden, dass.... alle Ausführungen das Gepräge..... tragen, dass überall der Ingenieur mit dem Künstler gepaart geschaffen hat“.

1890 Eigens für die Wanderversammlung des DAI wurde „Hamburg und seine Bauten“ aufgelegt, unter diesem Titel zum ersten Mal. Das selbstverständlich dazugehörende Fest hätte sich fast zu einer Katastrophe entwickelt, kamen doch statt der erwarteten 650 Gäste genau doppelt so viele! So musste der Hauptsponsor, die HAPAG, einen zweiten Dampfer für die geplante Ausfahrt zur Verfügung stellen – wozu sie denn auch liebenswürdigerweise bereit war.

1914 reichte für die Vielzahl neuer und auf großes Interesse stoßender Bauten nicht ein Band aus, es mussten 2 Bände von „Hamburg und seine Bauten unter Berücksichtigung der Nachbarstädte Altona und Wandsbek“ aufgelegt werden. Aber mit Kriegsbeginn war die große Zeit der Feste, die mit Gesängen und eigens dafür herausgegebenen Liederbüchern begleiteten „Kneipen“ und „Kommerse“ vorbei. Vorbei auch die Ausschließlichkeit des Vereins zur Vertretung in Baufragen: Die freischaffenden Architekten hatten sich im 1903 gegründeten BDA zusammenschlossen, trotzdem blieben die meisten (auch in Doppelmitgliedschaft) dem AIV treu.

1921 Konnte Fritz Höger noch mit Hilfe der Dollars seines Auftraggebers mitten in den Inflationsjahren von 1921-24 das Chilehaus bauen, lag die Baukonjunktur ansonsten praktisch am Boden. Erst mit der Einführung der Rentenmark wurden die Zustände am Baumarkt allmählich wieder normal, und damit auch das Vereinsleben!

Mit Gustav Leo übernahm 1921 ein Ingenieur den Vorsitz. Der Mitgliederbestand stieg wieder auf 440 an und blieb auch ungefähr bei dieser Zahl, bis zur nächsten Wirtschaftskrise in den Jahren 1931 bis 32, die auf die Bankenkrise von 1929 folgte.

1929 Der Band „Hamburg und seine Bauten“ fiel dieses Mal erheblich schmaler aus. Der Verein hatte eine schwere Zeit durchzustehen. Die wirtschaftliche Krise war auch eine Baukrise, viele Kollegen waren ohne Arbeit oder ließen sich vom Staat ohne Entgelt zum „Regierungsbaumeister“ ausbilden, ohne danach auch übernommen zu werden.

1930 wurde die „Deutsche Gesellschaft für Bauwesen“ gegründet. Der DAI ging mit allen seinen Mitgliedsverbänden in dieser neuen Vereinigung auf. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begann ein steter Prozess der Auflösung. Die Architekten im Verein folgten dem Aufruf des BDA zum Eintritt in die „Reichskammer der Bildenden Künste“.1938 wurde die gerade gegründete Gesellschaft für Bauwesen wieder aufgelöst und als Fachgruppe „Bauwesen“ in den „NS-Bund Deutscher Technik“ überführt. Das ging nicht ohne politischen Druck ab. Gleich 1933 wurden zwei prominente Mitglieder aus dem Staatsdienst entlassen, Fritz Schumacher und Gustav Leo. Mehr zufällig wurde erst zwei Jahre später entdeckt, dass Leos Großvater Jude war. Haft und Medikamentenentzug führten zu seinem frühen Tod.

Immerhin hatte der Verein 1936 noch 320 Mitglieder! Trotzdem muss der Druck enorm angewachsen sein: Der gesamte Vorstand trat im selben Jahr zurück.

1939 musste eine außerordentliche Mitgliederversammlung die Auflösung des Vereins beschließen. Nur 16 Vereinsmitglieder nahmen an dieser eigentlich nicht beschlussfähigen Versammlung teil. Außer dem protokollführenden Notar gab es auch noch Besuch: Vier nach damaligem Brauch in braunen Uniformen auftretende Parteigrößen!

1945 Ende eines schrecklichen Krieges, aber auch Beginn einer neuen Zeit, die mit Besatzung und Mangel an Lebensmitteln, Kohle, an Baustoffen, ihren Anfang nahm. Noch im November 1945 fanden sich um den Ingenieur Dr.-Ing. Siebert eine Gruppe ehemaliger Mitlieder, die eine neue Satzung für eine Neugründung vorbereiteten. Die Militärregierung verlangte zudem, über die Ziele und die politische Vergangenheit der Vorstandsmitglieder genauestens unterrichtet zu werden. Am 11. April 1946 wurde der neu gegründete Verein in das Vereinsregister eingetragen.

Um den Anschluss an die Vorkriegsjahre auch sichtbar zu machen, wurden verdienstvolle Mitglieder aus diesen Jahren zu Ehrenmitgliedern gewählt. Fritz Schumacher, der dänische Bauunternehmer R. Christiani und der ehemalige Bausenator von Altona, Gustav Oelsner.

1950 schloss sich der Verein dem auch neu gegründeten DAI an, und empfing gleich drei Jahre später 1953 die Kollegen aus der ganzen Republik. Aus diesem Anlass wurde an eine weitere Tradition angeknüpft: Die Herausgabe eines neuen Bandes „Hamburg und seine Bauten“. Der AIV Hamburg war damit der erste Verein, der diese früher in vielen Vereinen gepflegte Dokumentation über die Zeit des 2. Weltkriegs halten konnte.

1968 wirkten fast 100 Mitarbeiter an dem wiederum erschienenen Band „Hamburg und seine Bauten 1954-1968“ mit. Auf 560 Seiten sind diese Aufbaujahre dokumentiert.

1974 löste G. Hirschfeld den langjährigen Vorsitzenden Dr.-Ing. Peters ab. Er setzte eine eingestellte Aktion der Baubehörde auf der Basis rein ehrenamtlichen Engagements durch jährliche Prämierung von „Bauwerken des Jahres“ fort. Es gelang so, öffentliche Resonanz zu finden und damit auch die Bevölkerung für das Baugeschehen in der Stadt zu interessieren. Sogar in der „Bild-Zeitung“ wurde darüber berichtet.

Der „Festball der Architekten und Ingenieure“ mit Beteiligung aller Architekten- und Ingenieurverbände, konnte erhebliche Erfolge erzielen, in den besten Zeiten der Jahre 1992/93/94 waren es über 3000 Gäste.

1984 wurde der AIV 125 Jahre alt. Die Verpflichtung, dazu wieder ein „Hamburg und seine Bauten“ herauszugeben, war immens! Die Festveranstaltung fand im Beisein des Ersten Bürgermeisters Klaus v. Dohnanyi statt. Für den Stahlbautag 1986 in Hamburg übernahm der AIV die Gastgeberrolle mit einer Stadtrundfahrt, einer Ausstellung und zeichnete als Mitherausgeber des Sonderdrucks „Probleme des Stahlbaus in Hamburg“.

1989 fand der Berliner Schinkelwettbewerb ein Hamburger Thema: „Zentrum für Meerwasserforschung“, mit einer Ausstellung im Gebäude der Fachhochschule. Zum ersten „Hamburger Architektursommer 1994“ präsentierte der AIV mit Prof. Polónyi die Publikation von Karin v. Behr: „Konstruktion zwischen Kunst und Konvention“.

1995 Der Vorsitz wechselte von G. Hirschfeld zu dem Architekten Mathias Hein. Zum „2. Hamburger Architektursommer 1997“ kuratierte der AIV eine Ausstellung „Hamburg und seine Brücken“ in der Diele des Rathauses, wegen des Ortes und seiner professionellen Gestaltung viel beachtet. Die große Retrospektive „Baulust und Bürgerstolz“ auf den früheren Vorsitzenden Martin Haller im Museum für Kunst und Gewerbe bot Gelegenheit, den AIV in seiner „Großen Zeit“ darzustellen.

2000 Zur Jahrtausendwende gab es wieder ein neues, zusammen mit dem Hamburgischen Architekturarchiv herausgegebenes „Hamburg und seine Bauten 1985-2000“.

Schon 1999 beschloss der Vorstand, eine Medaille für Personen oder Institutionen zu stiften, die sich um Hamburgs Stadtbild verdient gemacht haben. Der Namensgeber für diese Medaille sollte Alexis de Chateauneuf sein, in Würdigung seiner Verdienste um den Wiederaufbau nach dem Großen Brand von 1842. Bereits vier Persönlichkeiten und die „Fritz-Schumacher-Gesellschaft“ haben diese Auszeichnung entgegengenommen.

Heute müssten die drei „Verschwörer“ von 1859, Glüer, Hastedt und Stammann diese Medaille bekommen!

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