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Bauwerk des Jahres 2015

Kunst- und Mediencampus Finkenau

 
Projekt:
Kunst- und Mediencampus Finkenau
Bauherr:
FHH Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung
Architekt:
Gerber Architekten, Dortmund
Tragwerksplanung:
Wetzel & von Seht, Hamburg
 
"Sie hier, und nicht in Hollywood?" begrüßen sich bisweilen Filmschaffende mit ironischem Unterton. Bei Bauschaffenden ist dagegen jegliche Zentralisierung von vermeintlicher Hochkultur der Sache nach ausgeschlossen: Ihr Standort wird durch die Bauwerke selbst bestimmt, durch ihre Umgebung, ihre Bauherrn.

In Hamburg gibt es drei Arten, sich mit dem Material Backstein einzulassen: Erstens, ...weil man es schon immer so gemacht hat, zweitens, ... weil man in direkter Nachbarschaft zu einem Gebäude von Fritz Schumacher baut, oder drittens... weil man diesen Stein zum Glühen bringen will. Bei unserem heutigen Preisträger kommen gleich zwei der genannten Einsatzarten zur Anwendung. Doch mit dem Glühen wollten sich die Architekten so wenig begnügen wie mit einem traditionellen Verständnis vom Lasten und Tragen, und so haben sie dem Stein  - zusammen mit den Ingenieuren - das Schweben beigebracht.

Wir befinden uns an der Finkenau, auf der Rückseite des ehemaligen „Instituts für Geburtshilfe“, das 1914 nach Plänen von Fritz Schumacher erbaut wurde und heute als Ausbildung-Zentrum im Bereich Medien und Film dient. Hier versammeln sich: Teile der >Fakultät Design, Medien und Information< der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg, die Hamburg Media School, der Filmbereich der Hochschule für bildende Künste Hamburg, verschiedene private Institute sowie ein nichtkommerzieller Hörfunk- und Fernseh-Stadtsender zum Mitmachen.

Diese Hochschule-Anlage hat jetzt ein neues Campusgebäude erhalten, dessen Entwurf in einem vorangestellten Wettbewerbsverfahren 2009 mit dem ersten Preis bedacht wurde und hier am Ufer des Eilbekkanals, neben Laboren, Lehr- und Arbeitsräumen mit Ton-, Licht- und Videostudios auch mit einer öffentliche Bibliothek, einem Café und einer Mensa für 2.000 Studenten aufwartet.

Das Konzept an sich erscheint vorerst ganz simpel: Zwei Raumachsen, in einem klar konturierten Baukörper miteinander verschränkt und gebunden, und diesen dann in die beiden Fluchten des bestehenden Gebäude eingereiht. Das ist schon einmal sehr wohltuend, schließt das Campusgelände ab und wird mit einem Hof belohnt, den sich Alt- und Neubauten teilen und dem sich das Erdgeschoss des Neubaus zuwendet.

Und auch bei der Wahl des Materials hat man sich nicht weit vom Bestand entfernt. Jedoch wird der Backstein nicht - wie bei seinem ehrwürdigen Nachbarn - in ein Netz aus hellen Fugen, und flächenbündigen Sprossenfenstern eingewebt. Sein schnörkelloser Einsatz hebt seine Ursprünglichkeit hervor, formt die geschlossen wirkenden Kubaturen zu einem stringenten Monolithen, der Fensteröffnungen vor allem als Gewichtsersparnis anzeigt. Hier überzieht der rostrote Ziegel alles: Fassaden, Mauerbrüstungen, Treppen, Rampen und den ganzen Boden, der sich oberhalb der Mensa über die großzügige Außenterrasse erstreckt.

Erst auf der Rückseite wähnt man die Quelle der Inspiration: Dort steht himmelwärts und kerzengrade ein Konus, der alles überragt: Der alte Schornstein des früheren Kesselhauses, der hier ein Stillleben aus Ziegelrot anführt. Spätestens hier erinnert uns das Arrangement, dass früher an dieser Stelle verschiedene Zweckbauten standen, im typischem Ziegel-Kleid der Industrialisierung um die Jahrhundertwende.

Auf der Außenterrasse des neuen Baus stehen wir genau in der Schnittstelle, dem oszillierenden Raum zwischen den zwei Ausrichtungen des Gebäudes: Unter uns der eingeschossige Sockelbau der Mensa, der geduckt der Flussrichtung des Eilbekkanals folgt, hinwegtauchend unter dem querenden Gebäudeteil über uns, dem dreigeschossig schwebenden Kubus aus Bibliothek und Laboren, der zum Sprung ansetzt in Richtung  Wasserlauf.

Dass dieser weit auskragende Kubus nach über fünf Meter doch noch auf ein paar Stützen aufgelagert ist, übersieht man beim ersten Hingucken, und auch beim genaueren Hinsehen, fragt man sich: Wie ist das eigentlich alles da oben hingekommen, und warum bleibt es dort - jetzt, wo die vielleicht "fünftausend" Drehsteifen entfernt wurden? Die Luft scheint hier besonders dick zu sein und leicht zu flirren... Trotzdem werden die Flechter sicherlich so manches zusätzliche Eisen in die tragenden Stahlkonstruktion eingefädelt und für Ihre Standfestigkeit gesorgt haben.

Die Schnittfläche der großzügigen Terrasse bildet für Studenten und Besucher gleichermaßen einen zentralen Treffpunkt. Es ist ein Raumkontinuum, das sich nach Innen mit Erschließungshalle, Café und Ausstellungsfläche bis zur Mensa vollverglast fortsetzt. Nach Außen neigt sich das steinerne Tableau über großzügige Rampen dem Erdboden zu und winkt die Fußgänger der Uferpromenade zu sich herein. Hier, wo der massive Block in großen Zügen Außenraum atmet und weitläufig über die Magistrale des Kanals blickt, hat der Campus nun seinen gemeinschaftlichen Schwerpunkt.

Mit dem neuen Campusgebäude ist an einer Straßen abgewandte Seite ein Souverän entstanden, der sich einerseits einzureihen weiß und mit Form und Inhalt vor allem zwei wesentliche Aufgaben erfüllt: Die Fortschreibung der historischen Bebauung und die Weiterentwicklung des Medienstandortes Hamburg. Nach dem Rückbau des Areals der Frauenklink, hat man für den Denkmal geschützten Teil einen räumlich überzeugenden Anschluss gefunden, der den Campus vorerst vollendend, ohne ihn abzuschließen.

Überzeugend ist vor allem jedoch die Intensität der Architektur, die hier ganz auf Ihre eigenen Mittel vertraut. Ohne Computer-Generated-Imagery und ohne Medienfassadenspektakel hat das Bauwerk seine eigene Szenografie entwickelt, die den realen Standort verdichtet, als eine gebaute Übersetzung an die ausgedehnten Kameraschwenks einiger berühmter Filmsequenzen anknüpft, die uns Bild für Bild in ihren Bann ziehen. So können wir den Kunst- und Mediencampus Finkenau in jedem Fall als ein Meisterwerk des subtilen Suspense betrachten. - Wo sonst, wenn nicht hier!

Hierzu möchten wir heute die Erbauer sehr herzlich beglückwünschen, allen voran: Die Bauherrn, das Referat Bau am Hochschulamt der Behörde für Wissenschaft, Forschung und Gleichstellung; die Architekten, Gerber Architekten aus Dortmund; die Tragwerksplaner, Ingenieurbüro Wetzel & von Seht aus Hamburg!

Dipl.-Ing. Architekt Peter Olbert, Oktober 2016

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