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Bauwerk des Jahres 2016

Zitadellenbrücke im Harburger Binnenhafen

 
Projekt:
Zitadellenbrücke im Harburger Binnenhafen
Bauherr:
Landesbetrieb ​Straßen Brücken und Gewässer,Hamburg
Architekt:
Winking ∙ Froh Architekten, Hamburg
Tragwerksplanung:
Ingenieurbüro Grassl GmbH, Hamburg
 
Feste Öffnungszeiten sind jeweils um 10:00 Uhr, 14:00 Uhr und 18:00 Uhr und erfolgen nur nach Anmeldung im Voraus. Die Brücke ist nicht dauerhaft besetzt. Sonderregelungen gelten für Veranstaltungen und sind telefonisch anzumelden.
Wow. Hört sich nicht besonders entspannt an.
Aber....Was sich zunächst als unflexible und sehr restriktive Vorgabe der zuständigen Behörde für die allgemeinen Regelbetriebszeiten der neuen Drehbrücke über den Lotsekanal in Harburg darstellt, spiegelt nicht die tatsächlichen Nutzungs-Möglichkeiten wieder, die dieses Bauwerk zu bieten hat.
Tatsächlich ist ein Ort entstanden, der fast den ganzen Tag lang verbindet und sogar zum Verweilen einlädt.
Anwohner nutzen dieses Bauwerk ganztägig, um von Ihren Wohnungen auf der Harburger Schlossinsel mit dem Fahrrad über den anbindenden Kanalplatz in die nahegelegene Harburger Innenstadt zu kommen.
Mitarbeiter der ortsansässigen Bauunternehmen und ThinkTanks der TU Harburg verweilen in der Mittagspause und genießen den sich von der Brücke aus öffnenden Ausblick auf den Lotsekanal.
Ruderboote und Kanus können auch bei geschlossener Brücke zu jeder Zeit queren.
Wir können uns also doch entspannen.
Die in der behördlichen Vorgabe beschriebenen Öffnungszeiten beziehen sich nämlich lediglich auf eine notwendige Durchfahrt von größeren Schiffen durch den Lotsekanal, meist Schiffe der ansässigen Gewerbebetriebe oder des örtlichen Vereins „Museumshafen Harburg".

Diese „Öffnung" in Kanallängsrichtung wird durch eine Drehung eines Teils der Brücke um ca. 90 Grad ermöglicht.
Somit ist das bewegende Bauwerk auch ein bewegtes Bauwerk.
Diese Aufgabe erfordert Ingenieurverstand und architektonisches Fingerspitzengefühl.

Fassen wir die Randbedingungen kurz zusammen:
• Der zur überbrückende Lotsekanal ist an dieser, seiner schmalsten Stelle immer noch 44 Meter breit.
• Für Binnenschiffe mit einer Länge von bis zu 110 Meter muss eine lichte Durchfahrbreite von 18 Meter bei geöffneter, also ausgedrehter Brücke eingeplant werden.
• Es muss innerhalb der tragende Konstruktion der Brücke ausreichend Platz geschaffen werden, damit die notwendigen Antriebselemente wie Drehlager, Getriebe, Motor möglichst unsichtbar verortet werden können.
• Die maximalen Verformungen der Brücke müssen ingenieurtechnisch derart dimensioniert sein, dass das bei jedem Ausschwenkvorgang notwendige Anheben der Brücke auch Jahre später noch exakt ist.
• Die Bodenverhältnisse im Bereich des Harburger Binnenhafens sind auf plattdeutsch am besten mit dem Wort "schietich" zu beschreiben.

Jo....und dann soll das Ganze auch noch so aussehen, dass der sich bewegende Mensch auf der bewegten Brücke scheinbar schwebend über das Wasser wandelt.
Als Tragwerksplaner, der mit einer Architektin verheiratet ist, habe ich die Beschreibung der meines Erachtens perfekten Umsetzung aller vorgenannten Randbedingungen immer auch mit einem leichten Schmunzeln notiert.
Denn die Formation aller notwendigen Funktionen dieses Bauwerks in eine Struktur, die auch bezüglich Ihrer Filigranität begeistert, zeugt von einer intensiven Auseinandersetzung der Planungspartner...oder man kann auch sagen, einer guten Beziehung.
Hier ist Planungskultur sichtbar gewordenes Ergebnis. Denn das Tragwerk und die gestalterische Architektur sind bei diesem Bauwerk nicht trennbar. Der Ingenieur kann seine solide Struktur nicht hinter einem "Kleid" im Sinne einer Fassade verstecken.
Durch den Einsatz von hochfesten Stählen und sehr dünn auftragenden Ausbaubelägen konnten Gewichts- und somit auch Antriebslasten minimiert werden. Die maschinenbautechnische Schwere wurde durch eine geschickte Einbindung der notwendigen Elemente in die Nutzungseinrichtung kaschiert.
Der geometrisch stark auftragende Drehpunkt der Brücke ist architektonisch zum Sitzplatz transformiert.
Der zu den Außenkanten der Brücke gevoutete Stahl-Kastenquerschnitt generiert filigrane Leichtigkeit. Dieses Bauwerk hat augenscheinlich nichts zu verstecken.

Der AIV Hamburg ist der Meinung, dass die Zitadellenbrücke über den Lotsekanal einen integralen Brückenschlag darstellt.
Einen wohl platzierten stadtplanerischen Brückenschlag zwischen der Harburger Innenstadt und der Harburger Schlossinsel.
Einen integrativen Brückenschlag zwischen den notwendigen Vorgaben des Bauherrn bezüglich einer an diesem Ort möglichen und praktikablen Nutzung und den unbedingt zu berücksichtigen Interessen aller Anlieger wie Anwohner, Gewerbebetriebe und Vereine.
Und....last but not least...
Einen planerischen Brückenschlag zwischen architektonischer Finesse und ingenieurtechnischem Know-how.
Diese „verbindende" Gesamtlösung ist ein Bauwerk des Jahres 2016.

Wir gratulieren herzlichst!
Wolfgang Keen
10. Oktober 2017


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