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Bauwerk des Jahres 2016

Lohsepark (Sonderpreis Freiraum)

 
Projekt:
Lohsepark (Sonderpreis Freiraum)
Bauherr:
HafenCity Hamburg GmbH
Landschaftsarchitekten:
Vogt ​Landschaft GmbH, Berlin
 
Die Rede soll jetzt sein von einer Parkanlage, dem Lohsepark, dem bislang mit rund 4 ha größten Park in der HafenCity. Der Name übernommen vom Vorplatz des ehemaligen Venlo'schen, später Hannoverschen Bahnhofs, nach dem Ingenieur Hermann Lohse, der als Chefingenieur und Oberrat in der preußischen Bahnverwaltung die Eisenbahnbrücken über Nord- und Süderelbe zu verantworten hatte.

Nähert man sich von Nord-Westen dieser Anlage, spiegeln sich im Wasser des Ericusgrabens zwei Welten: Die glitzernden Fassaden des Spiegel-Gebäudes, ruhend auf dem Stufensockel aus historischen und neuen Uferbefestigungen, sowie das Ensemble aus einem ehemaligen kleinen Zollgebäude von 1911 und der Ericus-Brücke von 1870, die als Drehbrücke noch bis 1948 funktionstüchtig war. Die „Neue Welt" hochwassergeschützt auf aufgeschüttetem Grund, die historischen Bauten dem Wasser zugewandt, wie eh und je immer wieder auch vom Wasser bedroht.

Das ist das Thema, mit dem sich die Landschaftsplaner auseinandersetzen sollten, als sie die Wettbewerbsunterlagen zur Gestaltung eines handtuchförmigen Areals zu einem „siedlungsnahen, übergeordneten" Park (so die Ausschreibung), in die Hand nahmen. Das Gelände war übersät mit Gleisen des ehemaligen Bahnhofs. Im Masterplan aus dem Jahr 2000 wurde ihm eine „gliedernde Rolle zwischen dicht bebauten Gebieten" westlich und östlich davon zugewiesen. Und - die Gleise der 1955 gesprengten Bahnhofsruine dienten nicht nur friedlichem Personen-, sowie nach Fertigstellung des Hauptbahnhofs dem Güterverkehr, sondern hier wurden von 1940 bis 1945 Juden, Roma und Sinti zusammengetrieben und in Güterwaggons ins Verderben geschickt. Dem sollte in angemessener Weise gedacht werden, so die Vorgabe.

Dieses Problem lösten Planer und Bauherrin auf beachtenswerte Weise!
Lenken wir das Augenmerk auf die Wegeführung: Vorbei an einem, in seiner grafischen Anmutung beeindruckenden „Schaukelhain" - der könnte gut einem Buchcover als Vorlage dienen! - folgt der den ganzen Park von Norden nach Süden in zwei Bereiche teilende Hauptweg - zunächst der Achse des ehemaligen Bahnhofs und damit dem früheren Gleisverlauf, ein wenig verdreht zur eigentlichen Parkachse. Ein, wie ein Senkgarten vertiefter, nahezu quadratischer Platz mit einer historisch anmutenden Pflasterung markiert die ideelle gestalterische Mitte des Parks. Er ist ausgestattet mit Sitzplätzen und den für eine solche Anlage notwendigen Einrichtungen der „Public Conveniences" . Der Container wird schamhaft verborgen hinter einer großformatigen Bildwand mit Darstellungen des Hannoverschen Bahnhofs in seiner früh-gründerzeitlichen Pracht. Hier gabelt sich der Weg. Ein Ast führt weiter auf dieser Ebene durch einen schmalen „Canon", bedrängt von gewellten Waschbetonwänden des „Heute", in einen dadurch abseits gehaltenen, stillen, kontemplativen Ort mit einer Rekonstruktion des Bahnsteigs, den Schienen, die ins „Nichts" führen. Wildes, wucherndes Buschwerk dämonisiert das Ende. Daneben weiße Birkenstämme und Wildkräuter, welche die Gedenktafeln mit den Namen der Deportierten umsäumen. In naher Zukunft wird das „Heute" noch näher rücken, ein neuer Baublock wird sich in diese Wege-Gabel schieben und damit „Gestern" und „Heute" noch stärker voneinander trennen.

Begeben wir uns wieder auf den Hauptweg: Der folgt nach einem Schwenk nun der Parkachse. Hier treffen die Besucher und Besucherinnen immer wieder auf erläuternde Stelltafeln, die deutlich machen, wie an dieser Stelle der Übergang von der historischen Ebene in die durch Aufschüttung abgehobene Straßenebene bewerkstelligt wird. Im Verlauf der Park-begleitenden Randstraße sind „Bastionen" angeordnet, die mit ihrer geometrischen Baumpflanzung und den dort aufgereihten langen Sitzbänken den Straßenraum erweitern, ihn aber auch gleichermaßen in den Park hineinziehen. Aufwändige Rampenanlagen bilden zusammen mit diesen ein eigenes Gestaltungselement und machen, gegen die Bodenmodulation gestellt, auf den Kontrast der Höhen aufmerksam. Wie Perlen an einer Schnur folgen unterschiedlich gestaltete Spielplätze für alle Altersgruppen dem Weg, der langsam ansteigt und an der Hafenuniversität die Ebene der hier stark befahrenen Straße erreicht. Wer den Übergang geschafft hat, den belohnt eine der, wie im ganzen Quartier, großzügigen Treppenanlagen mit einem beeindruckenden Ausblick auf Baakenhafen und Norderelbe.

Wie die Jury befand, stellt sich hier das Ergebnis einer guten und gedeihlichen Zusammenarbeit von Planern – den Kollegen von Vogt Landschaft GmbH aus Berlin und der Bauherrin – der HafenCity Gesellschaft mbH dar, bei spürbarem schmalen Budget. Es führte trotzdem zu einer feinsinnigen, das reiche Arsenal der Möglichkeiten der Landschaftsarchitektur nutzenden Planung. Nicht nur teurer Stein und harter Beton werden verarbeitet, sondern Pflanzungen (es ist von 530 Bäumen die Rede) und Bodenmodulation wurden Grundlage des Entwurfs. Und, nicht rückwärts gewandt, sondern klug und geschickt wissen die Planer die Geschichte des Ortes in ihre Gestaltung einzubinden.
Ein Schelm, der Schlechtes dabei denkt, wenn der Architekten- und Ingenieurverein einen Park auszeichnet, der den Namen eines Ingenieurs trägt. Ich bin mir sicher: Den alten Hermann Lohse wird's freuen auf seiner Wolke 7.

Gerhard Hirschfeld
im Oktober 2017


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